Spessart by Wolfgang Häcker

 

 


280 am Basar

 

Es trug sich mal wieder in meinem Zigarrenladen zu:

 Ein Internatskollege schaute mal wieder bei mir vorbei. Er gehört eher der besonnenen Klientel an, lebt umweltbewußt und ausgesprochen vernünftig. Wenig Rauchen, ab und zu Motorradfahren, aber in der Stadt am liebsten mit dem Fahrrad unterwegs. Sein Berufsziel war damals übrigens ein pädagogisches: Deutschlehrer.

 

Nach der allgemeinen Begrüßung klagte er mir sein Leid: Hatte ihn doch schon wieder ein rücksichtsloser Autofahrer von seinem Fahrrad geschubst. Der Drahtesel war ziemlich beschädigt, aber er kam mit ein paar Abschürfungen und blauen Flecken davon. Es folgte ein Vortrag über die überaus schlechte Verkehrsmoral, speziell der motorisierten Teilnehmer gegenüber den Unmotorisierten.

 

Während dieser Ausführung parkte "Turbo" die von mir ausgeliehene Kawasaki ZZR 1100 (150 PS / Tacho 305 Km/h) vor dem Geschäft.

 

Anstelle sonst üblicher Floskeln wie: Guten Tag oder Hallo zusammen verwendete er die Worte: "zweihundertachtzig am Basar!!", beim Betreten des Ladens, in der einen Hand den Helm, die andere zum Gruß erhoben, mit einer sichtlichen Freude im Gesicht.

 

Für die Ortsunkundigen: Der Basar ist ein großer Einkaufsmarkt vor den Toren der Stadt. Daran vorbei führt eine Schnellstraße. Vom Markt bis zum Ortsschild sind es ca. 400 Meter.

 

Nebenbei bemerkt befand sich damals eine Luftschadstoff-Messtation dort. So kam es, daß der umweltbewußte Zuhörer annahm, bei den 280 handelte sich es um den aktuellen Ozonwert. Lediglich Turbos erfreuter Gesichtsausdruck verwirrte ihn ein wenig.

 

Aus dem Dialog: "Ortseinwärts oder rauszu?" Stolze Betonung:"Reinwärts!" Anerkennend:"Sapperlott, das ist gut!" schloss er, daß es sich um eine GESCHWINDIGKEITS-angabe handelte, so unglaublich diese auch klang.

Zum physikalischen Verständnis dieser Leistung: 280 Km/h entspricht ca. 78 Meter pro Sekunde. Bei 400 Metern zum Ortsanfang und einer maximalen Verzögerung ergibt sich ein Wert, der deutlich über den erlaubten 50 Km/h liegt.

 

Jetzt kam der angehende Lehrer durch:

Im typischen pädagogischen Tonfall sagte mein Internatskollege:" Sag mal, meist Du nicht, daß es gefährlich ist sooo schnell zu fahren?"

 

Turbo, der von der vorherigen Unterhaltung nichts mitbekommen hatte, wußte darauf zu erwidern:

" Gefährlich? Soll ich Dir mal sagen was gefährlich ist? Gestern waren wir zu dritt unterwegs, hatten so 200 auf der Uhr, da war da vorne ein Radfahrer!  Der fuhr mitten auf der Straße - da weist Du nicht, ob der links abbiegen will, oder wieder nach rechts rüber zieht.

Die Kerle fahren völlig planlos rum, zeigen auch nicht an, wohin sie wollen. Wir sind mal kurz vom Gas und schwupp, schwupp, links und rechts an ihm vorbei. Hätte der nur einen Zukker gemacht, den hätts zerrissen ( mit Handbewegung dazu! ) ! SOWAS ist gefährlich: Mitten auf der Straße fahren! Planlose Verkehrs-gefährder!"

 

Auf meinen Einwand:" Auf der Autobahn sind doch normalerweise keine Radfahrer?" räumte er ein:

" Na ja, es war keine Autobahn.“ "Bundesstraße?"

"Äh, Landstraße - glaub ich.....

Auf alle Fälle hat man nicht mitten auf der Gasse zu fahren!"

 

Er lies keinen Zweifel daran aufkommen, daß eventuell die Geschwindigkeit nicht den Verhältnissen angepasst war.

 

Ich bin fast hinter meiner Verkaufstheke zusammengebrochen. Hier waren leibhaftig zwei Welten aufeinander geprallt. Turbo war so intensiv und gestikulierend damit beschäftigt, die Gefährlichkeit der langsameren Verkehrsteilnehmer zu erläutern, daß er meine Mimik nicht beachtete.

 

Der leidenschaftliche Fahrradfahrer erkannte zum Glück, daß eine weitere Diskussion nichts mehr bringen kann und verabschiedete sich mit verzweifeltem Blick......

 

Als ich den Sachverhalt im Anschluss Turbo erläuterte, stellte er selbstsicher fest:" Ah, Es stimmt Doch!", womit er den Standpunkt der Vollgasfraktion meinte. 

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