Spessart by Wolfgang Häcker

 

Der Bastler

Hier geht es um einen unkonventionellen Bastler, der erst baut, dann erprobt und sich nachher Gedanken über die verwendetet Materialien macht. Diese Vorgehensweise ist nicht nur im Maschinenbau verpönt.

Ich brauchte ein Ersatzteil für ein Motorrad und vermutete, daß der besagte Bastler dieses in seiner Sammlung hat. Also - aufs „Rädje“ und hingefahren. Er saß gerade vor seiner Garage und schraubte an einem Motorrad. Es war eine Geländemaschine vom Fabrikat Suzuki. Ein älteres Fahrzeug, daher noch mit Trommelbremse ausgestattet. Nach der Begrüßung erkundigte ich mich, was er denn da gerade macht.

Dieser Optimierer war im Begriff eine Scheibenbremse anzubauen, da eine solche effektiver ist, als die vorhandene Trommelbremse. Im Prinzip hatte er ja recht und am Rad waren die Bohrungen zur Aufnahme einer Bremsscheibe vorhanden. Aber am Gabelholm befand sich keine Möglichkeit, eine Bremszange zu befestigen. Die von ihm hierfür gefundene Lösung jagte mir Angstschauer über den Rücken!

Schlauchbinder sollten die Bremszange halten! Ich wies ihn eindringlich darauf hin, daß dies nichts wird, daß er sowas nicht machen soll, daß er sich einen anderen Gabelholm besorgen muß, oder eine andere Gabel, oder irgendwas, aber so nicht! Darauf entgegnete er: „Meinst Du? Naja, ich probiers aber erst einmal aus.“ Alles klar! Da der Ort des Geschehens auf einem Berg lag - egal wohin, es geht bergab - war jetzt für mich der Zeitpunkt zum Verschwinden gekommen. Nix wie weg, ich habs ihm gesagt, mehr geht hier nicht. Zum unter-irgendeinem-auto-herausziehen und den Notarzt-rufen hatte ich einfach keine Lust. Auf dem Nachhauseweg kamen meine Gedanken nicht zur Ruhe - man macht sich dann echt Sorgen bei so was.

Als wir uns einige Tage später wieder begegneten, fiel mir richtig ein Stein vom Herzen, wie er unbeschädigt vor mir stand. Da er technische Fehlschläge nicht gerne erwähnt, antwortete er auf meine Frage nach der Scheibenbremse schlicht mit: „ ich habs dann doch anders gemacht“ und lies sich keine Details über den Verlauf der Testfahrt entlocken....


Der Bastler - 2

Eines Tages kam er in meinen Zigarrenladen, zu einem Zeitpunkt, an dem ich mich gerade mit einem ausgebildeten Honda Mechaniker unterhielt.

Mir war bekannt, daß er gerade dabei war, einen 900er Honda Motor in ein selbst gebautes Grasbahngespann einzubauen. Aber er hatte keinen Zündcomputer ( Ignition Unit) dafür, und ohne geht’s halt nicht. Ich erkundigte mich deshalb, wie weit seine Bemühungen denn gediehen sind. „Der Läuft!“, antwortete er selbstbewußt. „Ah, du hast eine Ignition Unit aufgetrieben?“ -„Nö, braucht man nicht“, war seine Antwort.

Der Honda Mechaniker runzelte die Stirn und verfolgte mit skeptischem Interesse die Unterhaltung. „Kann nicht sein, ohne IJ läuft der nicht“ - „Doch, wenn ichs dir doch sag!“ „Nein! Wie?“ Und so erklärte er wie das Unmögliche geht:“ Ich hab die Lichtmaschine entfernt, auf den Kurbelwellenstumpf eine Schweißnaht aufgebracht und dann Zündkontakte angeschraubt und schon läuft er.“

Erstaunen und Entsetzen drückte das Gesicht des Mechanikers aus. Zum Einen, weil diese simple Lösung tatsächlich funktioniert, zum Anderen, weil es sich bei einem solchen Motor um ein Hochleistungsaggregat handelt, das ohne Frühzündung, also mit einem starren Zündzeitpunkt, gerade mal taugt, einen Stromerzeuger anzutreiben.

Plötzlich kam mir der Gedanke, daß mein Freund doch eigentlich gar nicht das Geld hat, einen solchen Motor zu kaufen. Die Frage:“ So ein Motor kostet doch einen Haufen Geld, das hast Du doch gar nicht. Wo hast Du denn den her?“ beantwortete er mit: „Ach nee, der war nicht teuer.“ Selbst wenn er billig war, so kannst Du ihn Dir nicht leisten!“ „Doch, der hat nicht viel gekostet“ „So ein Motor kostet gebraucht 1.500 DM (damals), selbst wen Du ihn billig bekommen hast, so sind das immer noch 600 DM, also zuviel für Dich“.

„Nein ich hab ihn wirklich billig bekommen. Der hat nur 35 Mark gekostet“. Das war zuviel für den Honda Techniker:“ Waasss? Ein CB 900 Motor für 35 Mark! Das ist der Kilopreis fürs enthaltene Aluminium. Den würde ich doch nirgends mehr einbauen. Den kann man höchstens als Attraktion ins Aquarium hängen“.
Es war sehr amüsant zusehen, wie ein amtlicher Techniker reagiert, wenn er mit den Aktivitäten eines echten Chaoten-Bastlers konfrontiert wird. Das Projekt ging auch nicht lange gut, wurde aber mit diversen anderen, auch für den Zweck wenig geeigneten Motoren weitergeführt.


Und so gibt es noch eine Geschichte von dem Bastler:

Einige Monate später besuchte mich ein befreundeter Techniker. So nebenbei erwähnte er, dass er ein Rücklicht für eine bestimmte Maschine sucht.

Da der Chaoten-Bastler sich drei Monate vorher ein solches Motorrad angeschafft hatte, konnte man davon ausgehen, dass das Rücklicht zwischenzeitlich nicht mehr benötigt wird: In den seltensten Fällen hielt ein Fahrzeug in seinen Händen länger als 3 Monate.

„Komm, wir fahren mal zu jemand, der hat das gesuchte Teil. Du wirst dort Dinge sehen, die Du in Deinen kühnsten Träumen nicht siehst. Schau Dir es an, aber Lach nicht. Nehme den Mann ernst. Wenn wir dann wieder weg sind, kannst Du Dir Luft verschaffen“, wies ich ihn an.

Dort angekommen erklärten wir unser Anliegen und siehe da, er griff in ein Regal und hatte das gesuchte Rücklicht. Das zugehörige Motorrad war bereits zerlegt und der Motor in ein selbstgebautes Grasbahngespann eingepasst.

Er war sehr stolz auf das von ihm erschaffene Wettbewerbsfahrzeug und wir mussten es unbedingt begutachten: Aus einem Bettgestell stammten die Rohre des Fahrwerks! Alles rustikal zusammengeschweißt. Die Sauberkeit der Naht, eigentlich ein Qualitätskriterium, spielte eine untergeordnete Rolle - Hauptsache das hält und viel hilft viel! Hier war wirklich alles improvisiert und auf Funktionalität ausgerichtet. Technische Details, die am Rande der Genialität angesiedelt waren, aber in der handwerklichen Ausführung grausam waren.

Dieser Anblick hat dem Weltbild des Motorradmechaniker Meisters einen Horizont dazugefügt.

Wir verabschiedeten uns und stiegen in sein Auto. Er umfasste das Lenkrad, blickte geradeaus und fragte: „ist er weg?“ Ich schaute nach hinten und bemerkte:“ja!“ Daraufhin rief er mit verzweifeltem Unterton:“ AAHH! Und ich dachte so was gibt’s nur im Comic!“

  

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