Spessart by Wolfgang Häcker

 

Urlaub in Jugoslawien und den Bergen

Meine Kumpels kamen auf die Idee mit den Motorradfreunden aus dem Allgäu in diesem Sommer (1982) nach Jugoslawien  zu fahren. Am ersten Tag führte die Tour nur bis in die Gegend bei Ravensburg.

Am nächsten Morgen waren dann alle Komplett und wir nahmen den Asphalt unter die Räder Richtung Adria. Im Konvoi kommt man nur sehr langsam voran...Tankpausen, Zigarettenpausen und natürlich „Pinkelpausen“ ließen die Durchschnittsgeschwindigkeit verkümmern.

Nach einem langen Tag erreichten wir die Zielregion. Auf diversen Campingplätzen war nur zu erfahren, dass alles besetzt ist. Wir wurden mit der Zeit immer ungehaltener darüber und ließen dies uns auch anmerken. Ein Campingplatzpförtner erklärte daraufhin, dass wir gerne über den Platz gehen können und selber nachschauen. Sollten wir was entdecken, so können wir unsere Zelte aufschlagen.
Und wir fanden einen Fleck, na ja, nur ein Stückchen Land an dem gerade ein Wohnwagen mit Vorzelt abgereist war. Eng an Eng wurden die Zelte gestellt.  Schon während des Aufbauens reklamierte ein Nachbar in spe, dass die Geräuschkulisse zu intensiv sei. Und da war noch gar keine richtige Unterhaltung im Gange!

Dies war nicht unser Ort, wir müssen am nächsten morgen weitersuchen.  Einige Ortschaften weiter gab der Pförtner uns die Gelegenheit, einen Platz zu suchen, obwohl er beteuerte, dass alles besetzt ist.

Der Zeltplatz war um einen Hügel angelegt. Oben, praktisch in der Mitte der Anlage befand sich ein aufgelassener Steinbruch. Auf dem blanken Fels zeltete niemand, da man ja keine Befestigungen in der Boden treiben konnte. Dies war Die Gelegenheit. Man braucht keine Bodennägel. Einfach große Steine durch die Schlaufe der Zelt-Seile, Stangen rein, Steine gerückt, und schon steht das Zelt! Es war einfach der ideale Platz: Auf beiden Seiten hohe Felswände. Da kann der Schall die Nachbarn nicht stören. Nach vorne und Hinten eine schöne Aussicht. Richtung Meer befanden sich Steinbruch - Ebenen mit niveauunterschieden von ca. 2 - 3 Metern, die später noch Probleme aufwarfen.
Es war soweit alles klar. Dem Pförtner haben wir zu seiner Überraschung erklärt, dass wir untergekommen sind.

Es gab unter uns auch Personen, die meinten, dass der Fels zu hart wäre darauf zu schlafen. Diese bauten ihre Behausungen zwischen den „normalen“ Campern auf. Wie sich später herausstellte, hatte es einen Grund, dass diese Plätze noch frei waren. 

Voller Stolz überblickten wir, die im Steinbruch, unseren exklusiven Platz.  Nur für uns! Ein richtiger Ramba - Zamba Platz. Hier kann man auch etwas länger feiern, ohne dass es jemanden belästigt! Perfekt! Oh, was passiert da? Auf der Ebene unter uns begann eine Familie, nein sogar 2 Familien, Hauszelte aufzubauen. Oh, Shit, die werden sich durch uns gestört fühlen!  Naja, mal sehen wie sich das entwickelt.  Immerhin waren wir ja zuerst da.  An meinem Motorrad war ein Autoradio angebaut, das wir auch nutzten. Die Aufbauer eine Etage tiefer gestikulierten irgendwann in unsere Richtung. 

Aha, es geht schon los. Es war unverständlich, welche Nachricht diese Personen rüberbringen wollten. Wir ahnten es zwar, aber wollten es nicht wahrhaben und verstanden es wirklich nicht. Nachdem die untere Etage „keine Ruhe “ gab, suchten wir den näheren Kontakt und erfuhren dass ihr Problem war, dass unsere Musik zu leise war. Klar, dem konnten wir abhelfen. Es wurde Abend und überraschenderweise waren alle recht früh müde und um 24.00 Uhr im Schlafsack.

Mir war noch nicht so. Ich bemerkte im Zelt auf der Ebene unter uns ausgelassene Stimmung, von der Geräuschkulisse her. Da kann man ja noch mal  vorbeischauen! Hallo, Guten Abend! Ein sehr herzlicher Empfang überraschte mich. Im Nu war eine vorzügliche Unterhaltung im Gange. Es wurden großzügig alkoholische Getränke gereicht, was die Heiterkeit schürte und dazu führte, dass mein Zelt in dieser Nacht außerhalb meines Aktionsradius geriet. Erst am nächsten Morgen, nach einigen Stunden Schlaf erklomm ich die Steinbruchkante.

Dort frühstückten meine Kumpels, in ungewohnter Frische. Urlaub, Hurra! Und jetzt an den Strand. Mit dem Gedanken: jaja, geht ihr schon mal vor, führte mich mein Weg auf der anderen Seite des Berges runter zu den Wiesen-Campern. Mal sehen wie es denen geht. 

Ja, nachts schlafen die Ameisen. Da kann man sein Zelt aufbauen. Aber wenn der Tag kommt, kommen auch die fleißigen Insekten, um auf ihrem gewohnten Pfad entlang zulaufen. Das war der Grund, warum dieser Platz nicht besetzt war. Alle bisherigen Campingversuche an diesem Fleck wurden spätestens am nächsten Morgen abgebrochen. Yogi und die anderen starrten entsetzt auf die tausenden Insekten, die in dreier Reihen rings und das Zelt liefen.  Ausweichmöglichkeiten waren keine vorhanden, wie schon der Platzwart richtig kundgetan hatte. Nach der anstrengenden Anfahrt war weiterer Streß nicht zu verkraften. Also, mal sehen, wie sich das entwickelt, und erst mal an den Strand.

Auf dem Weg dorthin befand sich eine kleine Bar, wodurch sich die Gelegenheit zu einer Probe einheimischer Weine ergab. Mir war zwar noch nicht danach, aber die Kollegen gingen voller Eifer ans Werk. Als ich aus meinem Zelt einige Dinge holen wollte, begegneten mir „meine“ Ameisen. Aus einem Loch, ca. 5 Meter entfernt kamen sie in Unmengen und wanderten zielstrebig in meine Behausung. Sie waren auf Nahrungssuche - erfahrene Camping Ameisen. Also, ein paar Nahrungsreste auf halbem Wege deponiert und schon war das Problem gelöst. Zur beiderseitigen Zufriedenheit. Die hatten nur noch den halben Weg zu laufen, und so verlor mein Zelt ihr Interesse.  Bei den anderen funktionierte dies nicht, da sie auf einem „Weg“ standen. Es war in meinem Fall nur darauf zu achten, dass das Nahrungsangebot ausreichend war.

So entwickelte ich eine richtige Zuneigung zu meinen Nachbarn aus der Insektenwelt. Regelmäßig Füttern, na wie geht’s uns denn heute? Ah, immer fleißig. Heute gibt’s Brot, dann mal Wurst, usw. Nach fünf Tagen fürsorglicher Pflege tat ich zuviel des guten. Die armen Säcke, habs doch nur gutgemeint. Sorry! Wir waren im Ort, erst eingekauft, ein bisschen was zum Essen und vor allem zum trinken! Eine Flasche Kruschkovatsch ( weis nicht wie es geschrieben wird, jedenfalls spricht man es so ähnlich aus ), ein Likör, der sehr schmackhaft ist. In der Kneipe bei Maria, so hieß die Wirtin, folgte auf ein kleines Abendessen ein intensiver Umtrunk. Nach dem Feierabend des Gastronomiebetriebes wankten wir in Richtung Zeltplatz. Der Weg war zwar nicht weit, aber trocken und da kam das Fläschchen Likör gerade richtig. Am Ziel war noch ein Rest in der Flasche. Hm, wenn schon jeder etwas davon abbekommen hatte, dann bekommt ihr auch was! Sie schliefen zwar schon, aber das macht doch nichts und so bekamen sie den Rest des Kruschkovatsch in ihr Loch geschüttet. Am nächsten Morgen war es dann verdächtig ruhig um die Öffnung im Boden. Kein einziges Tierchen war auf der Arbeit. Ist ja klar, nach dem Saufgelage. Die schlafen heute mal aus. Habt ihr euch ja auch verdient! Nachmittags zuckte sich immer noch nichts und ein ungeheuerlicher Gedanke keimte in mir auf, der am nächsten Tage bestätigt wurde. Und so tröste ich mich bis heute mit der Erklärung, dass sie wohl in dieser Nacht ausgewandert sind.

Zwei Tage später lief der Tag, bzw Abend nach dem gleichen Muster ab. Stadt - Maria - zurück, noch einen „harmlosen Umtrunk mit einheimischen Spirituosen und dann in den Schlafsack. Um eventueller Seekrankheit entgegen zu wirken, immerhin lag der Zeltplatz auf einer Halbinsel, trug ich sorge, dass der Kopf am Eingang lag, entgegen allgemeiner Zeltgepflogenheiten. So hätte man im Falle plötzlicher Übelkeit ohne großen Bewegungsaufwand nur rausschauen müssen und dadurch Verschmutzungen vermeiden können. Aber nicht an diesem Abend: Einfach plumps ins Zelt gefallen und auf der Stelle eingeschlafen. Just dann kam die „Seekrankheit“ Plötzliche Übelkeit! Alarm! Kopf rumdrehen, rausschauen...warum ist das Zelt zu? Wo ist der Reisverschluss? WO IST DER VERD...... REISVERSCHLUß? WOOOO? ....Zu Spät....Am nächsten morgen kam dann die Erkenntnis: Zelt war offen, aber am anderen Ende, falsch herum gelegen. An der Unglückstelle stand mein Koffer, geöffnet.....au weia, was für ein Anblick!

Die neue Situation erforderte eine grundlegende Planänderung. Eine Motorradtour stand plötzlich an. Flugs gepackt und ab Richtung Heimat. Hatte sowieso was zuhause zu erledigen, Vatis 50. war ja am nächsten Tag. Eckhart hatte sich einen Nagel eingefahren und wollte von mir einen Reifen mitgebracht haben. Klar, kann man bei einer solchen Gelegenheit noch mit erledigen. Nach 12 Stunden war die Heimat erreicht. In der Familie war die Freude groß, das der Bub extra zum großen Fest aus dem Urlaub zurück kam.  Und schon wieder ne Party. Tags darauf schnell in der Waschküche den Koffer entleert und nach Auswaschen wieder mit dem nötigsten gefüllt, gings auf die Bahn.

Es war halt ungünstig, dass gerade jetzt der Jahrhundertregen niederging. Der Reifenhändler war nicht zu erreichen, da die Fahrbahn zu hoch überflutet war. Im besten Regenkombi, der damals auf dem Markt war begab ich mich auf den Weg. Nach 8 Stunden im Dauerregen drang die erste Feuchtigkeit durch. Wo wohl? Da wo es am unangenehmsten ist: im Schritt! Die Maut für das Tauerntunnel wollte ich sparen und über den Pass fahren. Eine kleine Unachtsamkeit an einer Abzweigung erbrachte einen Umweg von ca. 300 Km - Geld gespart auf leichte Art! Es wurde schließlich Nacht und der Regen hörte hinter dem Alpenhaupkamm auf, doch die Straßen waren nicht mit Leitpfosten ausgestattet. Man konnte den Verlauf und die Kurven nur erahnen.  Dies bremste den Vorwärtsdrang und so wurde es 23.30 Uhr bis zum erreichen des Ziels.

Meine Kumpels begrüßten mich überschwänglich, da sie nicht erwartet hatten, mich dort noch mal zu sehen. Originaltext:“ He, das ist ja Klasse, dass Du noch mal zurückgekommen bist. Wir fahren morgen früh nach Südtirol. Das hättest Du ja sonst verpasst!“ Sie hatten sich kurzfristig überlegt, dass es am Meer mit der Zeit langweilig wird und man könnte ja noch eine Woche in die Berge fahren. Nach 2.300 Km in zwei Tagen hatte ich kein Interesse nach nur max. 6 Stunden Schlaf noch mal 600 Km zu fahren, zumal es der halbe Weg gewesen wäre, hätte ich gewusst, was sie vorhaben! 

Glücklicherweise war Yogi der gleichen Auffassung. Er fand es dort gut und wollte nicht weg. Also ließen wir die Reiselustigen ziehen und feierten mit den 2 Familien unterhalb weiter lustige Abende. Jeder Tag war „hammerhart“ - immer eine riesen Gaudi! Und schließlich bot man uns an, mit ihnen auf eine Hütte in den Schweizer Bergen zu fahren. Inzwischen konnten wir ein paar Berge vertragen und so begaben wir uns auf den Weg, aber gemütlich!

Erst bis zu unserer Station in Südtirol, einem Bauernhof mit einem göttlichen Rotwein und einer unbeschreiblich herzlichen Bewirtung (Winzer Schrott in Epan ). Unsere vorausgereisten Freunde feierten gerade Abschied, da am nächsten Morgen die Heimreise anstand. Und wieder ein Grund zum Feiern, hihi. Die sind morgens recht früh los, da eine große Gruppe nur sehr langsam vorwärts kommt. Dies war für uns kein Thema. Nach erholsamen Schlaf und gemütlichem Frühstück im Freien, in Südtiroler Luft, wer das schon mal erlebt hat, weis was ich meine, die anderen können es sich nicht einmal vorstellen, gings weiter in die Schweiz.  Über Pässe, durch Täler, bei schönstem Sonnenschein, (der Chronist zerfliest bei den Gedanken an diese Tour) ..........Pause.........,.um irgendwann Bergstraße, Feldweg, Viehweg,  am „Ende der Welt“ eine Hütte auf einer Alm zu erreichen. Nach häuslichem Einrichten erkundeten wir die Umgebung. Eine herrliche Bergwelt umgab unsere Unterkunft und ein bilderbuch Gebirgsbach plätscherte 20 Meter entfernt zu Tale.

Da erinnerte ich mich an das Päckchen Kaliumpermanganat, das im Fach unter der Sitzbank schon seit vielen Monaten lag. Geholt und reingeschüttet! Die Chemikalie ist völlig harmlos und umweltverträglich, hat aber eine enorme Farbwirkung auf Wasser. Der Bach sah einfach toll aus, als er rotviolett den Berg hinunter sprudelte. Wir waren begeistert von der Einlage,  bis der Hüttenchef sehr verärgert zu bedenken gab, dass der Bauer dort unten wohl nicht weis, dass die Farbe völlig unbedenklich ist und daher panikartig seine Kühe von der Weide holen wird.
Au - Peinlich.....

Da gibt es noch einen „nicht anerkannten“ Sport: Wackern. Man bewegt möglichst große Steine oben auf dem Berg in Richtung Abgrund, bis sie von selbst von der Schwerkraft beschleunigt werden. Die hüpfen dann wie Gummibälle. Es ist unbeschreiblich, wie agil tonnenschwere Brocken werden können, wenn die Schwerkraft wirken kann. Und wenn sie dann irgendwo gebremst werden! Was da für Kräfte frei werden. Da ist Schwerkraft nicht mehr nur ein Wort! Man kann sich dann so richtig was darunter vorstellen.  Sport deshalb, weil es ziemlich anstrengend ist die Brocken in Bewegung zu versetzen und weil die Art, wie das Gestein sich den Weg hinunter bahnt gewisse Qualitätsunterschiede zeigt: Die einen gleiten, was geringe Wertungen zur Folge hat, die anderen hüpfen. Manche rollen auf der Wiese aus, andere fällen Bäume oder zerplatzen zu Schotter an einem Felsen.  Um diesem Sport nachzugehen muß man sich natürlich in obere Regionen begeben. Dort wo viele Brocken herumliegen, wenig Bewuchs ist, steile Hänge und vor allem keine Wanderer. Die finden dies nämlich überhaupt nicht lustig.

Also wie komme ich auf den Berg? Natürlich mit möglichst wenig Anstrengung, am besten mit dem Motorrad! Fast bis runter ins Tal, dann links, mal rechts dann wieder links und rechts und links usw. Jaja, schon klar, werds schon finden. Schönhalden heißt die Alm mit Kneipe am Fuß vom Gipfel. Das war ein verwertbarer Hinweis. Nach einigem rechts und links und hin und her gaben mir Einheimische den Hinweis: „Schönhalden? Ja, da vorne links, da sind sie schon richtig, aber mim Töff, das wird schwierig!“ Nach meinen Informationen hatte der Alm-Chef ein Auto. Und wo ein Auto hinkommt, da komm ich mit meinem Motorrad aber sicher auch hin! Also weiter. Und siehe da: ein Schild:
Schönhalden.

Na der Weg war wirklich schlecht und steil, aber ein Könner und 74 PS kommen überall hin. Nach der nächsten Biegung, von Kurve kann man hier nicht mehr sprechen, versuchte ich mir schon vorzustellen was für ein Auto der da oben wohl hat. Aber 74 PS und ein Könner kommen überall durch. Nach der nächsten Biegung konnte ich mir bei aller Phantasie nicht mehr vorstellen, was für ein Auto der Alm-Chef wohl chauffiert. Sapperlot, das war eine Herausforderung! Jetzt aber mit Schwung! Und dann kam eine dicke Wurzel, das Vorderrad stockte kurz, die Gabel federte ein und das Hinterrad drehte auf dem feuchten Lehmboden durch. Kein Vortrieb mehr. Noch ein paar Versuche - nix geht mehr. Oha! Lage-check - verdammt steil, schmäler, als die Maschine lang ist, links Felswand, rechts Abgrund - Ende aller Aktivitäten, völlig festgefahren, ohne fremde Hilfe keine Aussicht auf Änderung. Abstellen ohne Abzuschließen, da sowieso keiner das Motorrad wegbewegen kann und den Weg zu Fuß fortsetzen.

An Schönhalden vorbei, um den Berg herum, da von vorne eine senkrechte Felswand die direkte Verbindung zum Gipfel unmöglich machte. Kurz vor dem höchsten Punkt musste ich die Schuhe ausziehen, da Motorradstiefel nicht zum Wandern geeignet sind und meine Füße Alarmzeichen sendeten. Blasen kündigten sich an.

Was für eine Enttäuschung erwartete mich: der Berg war auf der einen Seite eine Alm, eine Wiese, die abrupt abriss in die Tiefe mit Aussicht auf die Gaststätte Schönhalden. Hier lagen keine Brocken rum, geschweige denn Steine. Man konnte nur auf dem Bauch an die Abrisskante robben und eventuell Grasballen lösen und in die Tiefe schmettern, was aber nicht den Erwartungen entsprach. Stundenlanger beschwerlicher Aufstieg wurde mit unsagbarer Enttäuschung belohnt. Nach einem nicht minder beschwerlichen Barfußabstieg wartete ich auf meine Freunde, die zu einem Umtrunk von unserer Hütte aus aufstiegen, Nach einiger Zeit kamen sie dann und ich schilderte die Lage meines Fahrzeuges. Einer kannte den Hüttenwirt, Waldi gerufen, und dieser war als alter Motorradfahrer selbstverständlich sehr hilfsbereit:“ Das haben wir gleich!  Setzt euch in meinen Jeep und wir fahren schnell hin!“ Er fuhr mit uns eine geschotterte Straße gen Tal. Straße, nicht Weg...hm...rätselhaft.

Bis der Abzweig kam, den ich genommen hatte. „Hier Waldi, da geht’s lang.“ Und erst jetzt erkannte ich auf dem Wegweiser, ganz klein unter dem Schriftzug „Schönhalden“ das Wörtchen: Wanderweg. Ah, deshalb. Waldi betonte ganz selbstbewusst, dass sein Jeep, übrigens Baujahr 1944 (!) überall hin kommt und wollte dies unter Beweis stellen. Zehn Meter vor meinem Motorrad war selbst für diese Bergziege Schluss! Nachdem jeder noch mal seine Fahrkünste an meiner Maschine probiert hatte kamen wir zu der Erkenntnis, dass nur durch hochheben und umdrehen das Fahrzeug noch zu retten ist. Hau - Ruck und 250 Kg standen in die andere Fahrtrichtung.

Jetzt aber in die Kneipe zum verdienten Umtrunk.  Vorher führte uns Waldi noch vor, zu was sein betagter Jeep noch im Stande ist und düste über seine Alm. „Äh, da kommt ein Zaun....“ Mit den Worten:„Macht nix, ist meiner“ brauste er durch. Interessant. Beeindruckend waren auch die hektischen Lenkbewegungen, selbst wegen geringer Richtungsänderung.  „Hast ein bischen Spiel in der Lenkung?“ Auf einem geraden Stück bewegte er das Lenkrad von 10 Uhr bis 14 Uhr und zurück, ohne dass das Gefährt eine Reaktion zeigte:“ ja, ein bisserl schon.“ Dies gab meinem technischen Sachverstand den Anstoß auf andere Eigenheiten des Fahrzeugs zu achten. Und siehe da, um einen Bremsvorgang einzuleiten, vollführte er einen regelrechten Tanz auf dem Pedal. Die Verzögerung war eigentlich nicht zu beanstanden, doch bis sich der Druck im System aufbaute erforderte vorausschauende Fahrweise. Man möchte ja seinen Retter nicht kritisieren und so war ich heilfroh, als wir wieder an der Kneipe ankamen.

Nach einiger Zeit, es war sehr lustig, kam ein weiterer Einheimischer dazu. Er berichtete von seinem neuen Allrad getriebenen Pkw Subaru. Damit kommt er ÜBERALL hin!  Das wollte Waldi genau wissen. Ich verzichtete auf einen Platz im Jeep und fuhr im Subaru mit. Im Steigvermögen war der PKW ebenbürtig. Man fuhr eine Almwiese hoch, immer steiler, bis alle Räder durchdrehten und das Fahrzeug, leicht quer, den Hang runterrutschte. Die Angst vor einem Überschlag ist unbeschreiblich! Nach dem Patt am Hang brausten wir einen Hohlweg entlang, übelste Sorte! Auch hier hielt der Subaru mit, allerdings hatte der Jeep einen erheblichen Vorteil durch sein Mehr an Bodenfreiheit. Die Fahrspuren waren sehr ausgewaschen, so dass das Bodenblech an der Fahrbahn kratzte. Das Auto war fast neu. Hier hätte wohl jeder aufgegeben, aber mein Chauffeur nicht! Er musste es ja beweisen. Immerhin, es ist ihm gelungen. Er kam überall hin, wo der Jeep hinkam....nur der Jeep war danach wie vorher...das Auto äußerlich auch, aber drunter?

Wir hatten noch ein paar lustige Stunden auf der Alm und begaben und dann auf den Heimweg. Das Motorrad blieb dort, da der Fahrer Alkohol getrunken hatte.

Es war so eine mondlose Nacht, sackdunkel - alles schwarz. Wir tappsten nebeneinander her, dem imaginären Weg folgend, so der Erinnerung nach.  Eindeutige Geräusche neben mir...glitsch, Plumps, bääähhh, signalisierten, daß wir uns auf einer Weide befanden. Yogi war auf Kuhausscheidungen ausgerutscht. Aha, besondere Vorsicht ist angebracht. Wenig später hörten wir den Bach rauschen. „Da vorne muss eine Biegung kommen, am Bach“, sagte Yogi und Sekundenbruchteile später strudelte das Wasser um unsere Füße. Oh, zwei Meter zu weit! Immerhin waren die Schuhe jetzt wieder sauber. 

Schließlich erreichten wir unsere Behausung, kraxelten die Leiter hoch unters Dach und fielen in den um diese Uhrzeit absolut nötigen Schlaf, der aber nur von kurzer Dauer war. Kurz nach Sonnenaufgang muß es wohl gewesen sein, als das Klong, Kalalong von Kuhglocken uns störte. Ja, okay, man ist nach so einer Nacht etwas Lärmempfindlich, aber DAS war grausam. Einer drückte es so aus:“ Die stehen wohl übereinander, damit sie direkt neben unserem Ohr bimmeln können!“ Diese Pein war nicht abzustellen, aber wir ruhten weiter. An Aufstehen war noch nicht zu denken - warum auch. Mit der Zeit entfernten sich die Glocken, es wurde leiser. Manchmal auch wieder lauter, usw.

Der Zenit war überschritten, als das Schlafbedürfnis gestillt war. So, Frühstück! Bei strahlendem Sonnenschein wurde vor der Hütte der Tisch gedeckt und geschlemmt. Es dürfte so gegen 13.00 Uhr gewesen sein, an diesem Tag halt früh morgens für uns. Kamen da doch Wanderer des Weges, der halt genau an unserer Hütte vorbeiführte. Ein in irgendeiner Karte eingezeichneter Wanderweg. Wenn man recht früh im Tal sich auf die Socken machte, kam man auf diesem Weg zum Mittag nach Schönhalden. Und genau diese Frühaufsteher kamen jetzt in kleinen Gruppen, so alle paar Minuten direkt an unserem Frühstückstisch vorbei. Etliche waren freundlich und Grüßten, aber nicht mit Guten Morgen, sondern Guten Tag. Äh, ja, Guten Tag. Lustig sahen manche aus, so mit Taschentüchern, Knoten an den Ecken, auf dem Kopf und überhaupt machten fast alle einen sehr angestrengten Eindruck, im Gegensatz zu uns. Es war durch den Kaffe und die Honig- und Marmeladebrötchen eindeutig zu erkennen, daß hier keine Brotzeit stattfand, sondern Frühstück.  Wir glaubten in den Gesichtern der Frühaufsteher eine gewisse Verachtung zu erkennen, was aber Anlaß für Heiterkeit war.  Solche Morgen folgten noch einige. Es waren  wahnsinnig lustige Tage auf der Hütte. Es war uns klar, dass wir dies noch mal wiederholen.

Aber der Lauf der Zeit lies es nicht mehr zu. Der Wille war da, aber die Termine nicht mehr abzustimmen. So nach und nach wurden aus den Azubis von damals Selbstständige, Berufstätige und Familienväter. Und so blieb es bis heute. Waldi wartet sicher immer noch.........


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