Spessart by Wolfgang Häcker


 

Urlaub in Rumänien

Die Clique aus der Berufschule kam auf die Idee, zusammen in den Urlaub zu fahren. Nur eine Woche und billig soll es sein, eventuell auch weit weg, eigentlich so weit wie möglich für wenig Geld. Rainer brachte ein Knüller - Angebot: 1 Woche in Mamaja, Rumänien, am Schwarzen Meer, in großem Hotel mit Flug für nur 320 DM. Sapperlott! - Das war es!

Am Tag des Abfluges war dann noch Zeit im Flughafen herumzuschlendern. Wir kamen an einem Sex - Shop vorbei, eher nicht vorbei, und wenn man schon mal da ist, könnte der Einkauf einiger Kondome nicht verkehrt sein. Sicher ist Sicher! Wir hatten zwar nicht die Absicht, aber es ist besser gerüstet zu sein. 

Im Flieger dann war eine Person sehr mitteilungsbedürftig. Er erklärte uns, auf was man alles achten muß in Rumänien. Er war der selbsternannte Rumänienspezialist. War ja nett, aber interessierte uns nicht besonders. Großen Wert legte er auf die Feststellung, dass man keine pornographischen Presseerzeugnisse mitnehmen darf! Hm, hatten wir ja nicht dabei, was solls. Hatte der uns in den Sex - Shop gehen sehen? Na ja.....  Meine Schmuggelware bestand aus Digitaluhren, damals ein Renner im Ostblock. Kostete zu dieser Zeit bei uns das Stück 25,00 DM, war dort der Gegenwert von 100 DM zu erzielen.  Eine am Arm, wie sich das gehört, und je zwei in den Jackentaschen links und rechts. 

Beim Zoll kam natürlich das altbekannte Schmugglerkribbeln, aber ich wusste es ja nicht zu zeigen. Der Rumänien-Spezialist war zwei Personen vor mir und musste seinen Aktenkoffer öffnen. Lag da nicht eine bekannte illustrierte oben auf! Galt zwar bei uns nicht als Pornographie, aber das Titelbild war sehr freizügig. Und schon musste er dem Zollbeamten folgen. Oha, harte Sitten hier - hoffentlich entdecken sie die Uhren nicht! Der vor mir war problemlos und jetzt kam ich dran: Griff der Zöllner mir doch wirklich in beide Jackentaschen und förderte aus jeder ein Päckchen Kondome zutage. Mit einem belustigten Lächeln steckte er sie wieder hinein und winkte mich weiter. Diese Dinger hatten wirklich schlimmes verhütet, wenn auch in einem anderen Sinne. 

Mit einem Bus ging es dann zu unserem Hotel. Wir bekamen Zimmer nebeneinander, zumindest von außen gesehen: Balkon an Balkon. Die Eingänge waren jedoch weit voneinander entfernt - völlig anderer Gang. Dies führte später zu gefährlichen Situationen, war es doch im 12. Stockwerk. Zum Mittagessen, es war nicht besonders lecker, tranken wir, 4 Kerle, eine Frau, ca. 20 Flaschen genießbares Bier.
Dies nahm uns das Hungergefühl und verlängerte den Aufenthalt im Speisesaal. Eine Lageerkundung folgte und schon wars zeit zum Abendessen. Die Qualität der angebotenen Nahrungsmittel entsprach nicht unseren Erwartungen und dass das Wernesgrüner alle war verstärkte aufkeimenden Unmut. Man bot Radeberger an, das aber überlagert war. Das einheimische Bier bedarf keiner Erwähnung – Nach Bundesdeutschen Maßstäben entsprach es Sondermüll. Auf an die Bar, einen heben! Das Angebot war spärlich und recht teuer, außer dem Krim Sekt. Es waren nicht viele Leute anwesend, die Stimmung eher gering. Also einen Kasten Cola an der Bar gekauft und aufs Zimmer, hatten wir doch im Duty Free Shop eine größere Menge Bacardi gekauft. Das Cola war auch am nächsten Morgen sehr hilfreich. 

Nach einem miserablen Frühstück wanderten wir durch den Ort. Jetzt kam die Erkenntnis, dass es eine reine Tourismus - Gegend ist. Es gab keinen Ort im klassischen Sinne - nur geschlossene Hotels. Unseres war das letzte, das noch geöffnet hatte.

Noch, denn wenn die momentanen Gäste abgereist sind, wird dort auch über den Winter zugemacht. Daher die knappe Versorgungslage! Ein einziges Geschäft hatte geöffnet, aber was für ein Sortiment!

Wollten wir doch was zu trinken und essen kaufen; es gab es ein Regal: auf der einen Seite eingemachte Paprika, auf der anderen ein einheimischer Wein. Das Geschäft hatte zwei Artikel im Sortiment, ungenießbare wie wir schnell feststellten. Was für ein Fehlschlag! Mal sehen was es zum Mittagessen gibt. Der Abwärtstrend hielt an und unser Hunger war schon erheblich. Man muß hier erwähnen, dass nach fast 4 Jahren Internatsaufenthalt meine Ansprüche an die Ernährung sehr niedrig sind. Aber das hier gebotene übertraf, äh untertraf alles bisher gesehene. Erinnerungen kamen: wenn’s besonders schlimm war, dann machten die Schüler „Sauerei“. Und so nahm ich ein Stück Kartoffel auf die Gabel und katapultierte es durch den Raum. Eigentlich ziellos, aber es war ein Volltreffer. Dem Glatzkopf zwei Tische weiter voll auf die Platte! Er und seine Freunde verstanden das Signal! Ein Bombardement in unsere Richtung folgte. Meine Kumpels, vorher noch etwas befremdet, konnten nun nicht anders, sich dem Treiben anzuschließen. War ne Bedienung anwesend, passierte nichts, aber sobald sie den Raum verlies, flogen Kartoffeln, Möhren und Fleischstücke durch die Luft. Wir hatten viel Spaß! Die Truppe von Tisch 4 war gut drauf, wie man abends an der Bar noch merken konnte. 

Der ereignislose Nachmittag ist nicht erwähnenswert und schon war’s Zeit zum Abendessen. Hier gab’s wieder nur ungenießbaren Schmodder und gleich an die Bar zum Hunger - Wegsaufen! Unsere neuen Freunde ließen´s richtig krachen. Krimsekt bis zum abwinken! Aber um 23.00 Uhr schloss die Lokalität. Zu früh für uns! In den Aufzug und zum 12. Stock, Bacardi von Zimmer geholt und weiter in den 14. auf die Dachterrasse zum weiterfeiern. Hier fehlte der Aschenbecher. Na ja, man konnte ja eigentlich überall hinaschen, aber so stilmäsig fehlte einer. Rainer fuhr mit dem Aufzug runter, irgendwohin, denn vor jeder Aufzugtüre stand so ein Ungetüm aus Aluminium,  Tür geht auf, hand greift raus an den Standascher, rein damit und zurück in den 14. Stock. Als der Abend zuende war, warfen wir „unseren“ Ascher mit Schwung vom Dach. Kalong war das Geräusch, das die Ankunft auf der Erdoberfläche meldete - so jetzt konnten wir beruhigt zu bett gehen, es war für heute alles erledigt. 

Der Mangel an geeigneter Nahrung wurde zum größeren Problem und so fuhren wir am nächsten morgen mit dem Linienbus nach Constanza, der nächstgrößeren Stadt. Obwohl wirs nicht wollten, mussten wir „schwarz“ fahren. Es gab keine Möglichkeit eine Fahrkarte zu kaufen. Mit unangenehmen Gefühlen strebten wir der Metropole entgegen. Was für ne Erleichterung, als der Busbahnhof erreicht war - schnell raus!

Bei der Erkundung der Stadt gelangten wir zu einer Art Markthalle in der es neben rohem Fleisch und Gemüse, leider keine Pizza oder Hamburger aber dafür Bier zu kaufen gab. Mit Händen und Füßen erklärten wir dem Gewerbetreibenden, daß unser Wunsch ein Kasten Bier wäre. Ebenso wurde uns erklärt, daß 20 Flaschen Bier nicht das Problem seien, aber der Kasten. Den Kasten gibts nicht - Basta.

Transportproblem! Zum Glück gab es in der Markthalle auch einen Taschenverkäufer. Mit den neu erstandenen Transportmöglichkeiten konnten die erwünschten 20 Flaschen endlich den Besitzer wechseln. Nach Hunderten beschwerlichen Metern kam der Gedanke oder die Befürchtung, man könnte doch mal einen Test machen. Also mit dem Fahrradschlüssel die Kronkorken aufgepiepelt - Prost! Buäääh! Ekelig! So ein Sch. das Zeug war ungenießbar. Was machen wir jetzt? Weitertragen auf keinen Fall, ist vergeudete Energie. Hm, den Einheimischen schmeckts vielleicht, die kennen ja nichts anderes. Beim nächsten klingeln und einfach abgeben? Wird vielleicht als Beleidigung angesehen oder versuchte Körperverletzung? Dies Risiko schien uns dann doch zu hoch. Da erspähte Sunny einen Bagger auf einer Baustelle mit einem schlafenden Baggerführer drauf. Das ist die Lösung! Wir stellten die Flaschen im Kreis vor dem Baugerät auf. Der Mann konnte es sich nach seinem Nickerchen aussuchen ob er das Gebräu einsammelt oder untergräbt. Wahrscheinlich hat er das Zeug einfach überfahren, da er es für einen schlechten Traum hielt.

Beim Abendessen mal wieder das Gewohnte Bild. Fraß auf dem Teller, Brocken in der Luft. Es war diesmal so schlecht, daß mir eine Internatsgepflogenheit einfiel. Mit den Worten "esst euren Teller leer" kippte ich den Scheiß einfach untern Tisch. Nach dem "Essen" fragte die Bedienung, ob wir noch einen Wunsch hätten. Rainer konnte sich nicht mehr beherrschen und wünschte: "Gebt mir den Kopf vom Koch!" worauf sie antwortete:" Koch mein Mann!" ....  HÖHÖ, der Abend fing gut an!

Nach ein paar Krimsekt schloß die Bar wieder viel zu früh und auf dem Weg nach oben hielten wir uns noch eine Weile im Zimmer auf. Wie bereits erwähnt im 12. Stock. Es war jetzt einfach zu lästig durch die halbe Etage zu wandern, nur um zum Nachbarzimmer zu gelangen. Ich nahm die Abkürzung über den Balkon. Dies war nicht ganz einfach, da eine Betonsäule mit Vorsprung die Abtrennung bildete. Auf die Brüstung gestiegen, mit der linken Hand an der Säule festgehalten und mit Schwung um die Säule herum auf den anderen Balkon hinüber. Geht ja ganz einfach....Nach dem Bacardi Schoppen auf dem Dachbalkon feuerten wir wieder den obligatorischen Standascher aus dem 14. Stock in die Tiefe der Nacht. 

Am nächsten morgen rief mich Didi auf den Balkon " He schau mal wo Du gestern lang bist!" Angeschaut...nichts besonderes...runtergeschaut...Oha! verdammt tief! Was ist das da unten? Genauerhinschau: eine Reinigungskraft des Hotels, unverkennbar an der Schürze, trug etwas aus dem Garten in Richtung Hotel. Es war ein verbogener Standascher! Huch, peinlich, was ist nur wieder vorgefallen? Egal was, auf keinen Fall mehr über den Balkon - viel zu gefährlich!

Zum Frühstück gabs Cola, alles andere war Zeitverschwendung. Wir gingen direkt an den Strand spazieren. Dort hab ich immerhin eine Uhr eingetauscht gegen ein undefinierbares Abzeichen. Der tauschende Uniformierte versicherte, daß es etwas ganz bedeutendes ist -  Geld hatte er zuwenig – da hab den Tausch gemacht, da mir klar war, daß es ein armer Kerl ist und ihm eine Uhr viel bedeutete. Erst vor wenigen Wochen erkannte ein Rumänischer Motorradfreund das Emblem und fragte wie ich dazu kam?

Es sei eine Art Tapferkeitsauszeichnung, die nicht jeder bekommt. Das hat gut getan, aber auch ein wenig nachdenklich gemacht. Für ne 25 DM Quarzuhr...der arme Kerl, aber er wollte sie ja unbedingt.  In welch ärmlichen Verhältnissen haben die damals gelebt, oder hat sich was verändert?


Als wir zurückkamen, war ein großes Hallo in der Bar. Die Kerle aus dem Ruhrpott, unsere Speisesaal Gegner hatten zum Frühstück 7 Flaschen Sekt konsumiert und waren in einer dem entsprechenden Stimmung. Bis dahin waren wir der Meinung, WIR wären schlimm, aber was jetzt folgte lies uns dies überdenken:

 
In der Mitte des Raumes befand sich ein Teich mit Springbrunnen. Gelegentlich sah man einen Frosch zwischen den Seerosen herumschwimmen.

"Eine Flasche Sekt für den, der in den Teich springt und den Frosch fängt !" rief der eine. Und schon war der Andere drin im Teich. Nach einer kurzen Jagd und massivem gespritze hielt der das grüne, glitschige Tier in der Hand. Stolz und triefnass setzte er sich wieder an den Tisch und präsentierte seinen Fang.

Mit den Worten:" Drei Flaschen Sekt für den, der den Frosch isst!" wurde eine neue Prämie ausgelobt. Einer hatte schon die ganze Zeit erzählt, daß er viele Jahre in der Fremdenlegion gedient hatte. Dieser schnappte sich gierig die Amphibie und lies sie, an den Beinen haltend, von oben in seinen Mund gleiten. Der Kellner, der das Treiben bereits die ganze Zeit über argwöhnisch beobachtete kam herangeschossen: "Mein Frosch! MEIN FROSCH!!"


Das kam wirklich in letzter Sekunde. Und steigerte die Heiterkeit ins unbeschreibliche. Da fing der Kerl auch noch an zu Handeln, wie viele Flaschen der Frosch denn Wert wäre.

Nach dem mittäglichen Besäufnis - was anderes bleib uns auch nicht übrig, da vom Essen nichts zu erwarten war - begaben wir uns auf die Zimmer zu einem kleinen Erholungs-Nickerchen. Vorher noch einen Bacardi mit wenig Cola, da das auch langsam knapp wurde. Das Erwachen war kein wirkliches Erwachen. Eher nur ein Munter werden.

Nun geschah folgendes:
Durch den massiven Alkoholgenuss entstand eine gewisse, nicht nachvollziehbare Verwirrung. Ob vielleicht noch ein übler Traum mitspielte lies sich nicht mehr rekonstruieren. Vielleicht war es auch nur das Pflichtbewusstsein, daß ich meinen Freunden eine Karte aus dem Urlaub schicken sollte. Bedingt durch meine damalige Schreibfaulheit lies ich vor dem Urlaub einen Stempel anfertigen: „Viele Grüße aus Rumänien Wolfgang“. Jedenfalls war am nächsten Morgen dieser Schriftzug überall im Zimmer zu finden: Wände, Türe, Bettzeug, Spiegel, überall. Tz Tz TZ .... wieder peinlich!


 
Einen Tag vor dem Urlaub waren wir noch gemeinsam im Kino: Das Leben des Brian.

In diesem Film ist eine Szene in der die Worte: Werft den Purschen zu Poden! ( Sprachfehler ) vorkommt. Über diese Szene amüsierten wir uns jeden Tag wieder. Daher mußte auch jeden Tag ein Standascher dran glauben: Sollen wir ihn noch einmal zu Poden werfen - oh Herr? und ab damit – vom 14 Stockwerk.

Und in der nächsten Nacht wurde dies zum Problem. Wenig Essen, viel Alkohol und schon ging es ab: Alles flog aus dem Fenster.

Die Cola Flasche war gewaltig. Der Vollmond erhellte die Nacht und man konnte erkennen, daß die Flasche ein Wellblechdach traf. Plötzlich rannte eine Person von unter dem Dach weg. Nun ja, es war halb drei morgens. Er hatte wohl darunter geschlafen. Sapperlot, das vergisst er nie!

Didi kam gerade zur rechten Zeit und hinderte mich die Toiletten Türe vom Balkon zu feuern. Er versicherte mir glaubwürdig, daß wir sie noch brauchen können. Für etliche andere Gegenstände kam er allerdings zu spät. 


Zum Glück wars Zeit zur Abreise. Mit viel schlechtem Gewissen bestiegen wir den Bus zum Flughafen. Bloß schnell weg hier!

Immer im Ungewissen, ob die vom Hotel uns hinterher telefonieren - in dem Land klappts ja mit der Überwachung - betraten wir erleichtert das Flugzeug.

Es zog sich alles sooo hin - wie unangenehm. Endlich kam der Start. Auch der zog sich hin, solange, daß Rainer laut rief: "DER FÄHRT JA BIS NACH FRANKFURT!", was die anderen Passagiere zum Nachdenken anregte. Und plötzlich kam Auftrieb, auf den letzten Drücker sozusagen: Durch meinen Fensterplatz konnte ich das beurteilen!

Wir gewannen an Höhe und hatten die Sonne auf der linken Seite. Nach ca. 40 Minuten fiel mir auf, daß die Sonne jetzt auf der anderen Seite war und teilte diese Beobachtung meinen Kumpels mit.

Au Weia, die haben doch angerufen! Wir fliegen zurück! Rainer Informierte lautstark die Mitreisenden über den offensichtlichen Richtungswechsel, was für erheblichen Unmut sorgte. Ebenfalls lautes Nachdenken, ob der Pilot vielleicht gerade jemand nach dem Weg fragt oder mit den Flügeln winkt, um seinen Verwandten dort unten zu zeigen, daß alles in Ordnung ist, war auch nicht geeignet, die Gemüter zu beruhigen. Es folgten weitere Spekulationen über unsittliche Tätigkeiten zwischen männlichen und weiblichen Crewmitgliedern, und inwieweit dies die Flugroute beeinflussen könnte.

Die Bordverpflegung war offensichtlich aus den Resten der Hotelküche rekrutiert, woraufhin das Reinigungspersonal wahrscheinlich Überstunden einlegen musste.

Und schließlich erreichen wir doch noch Frankfurt. Jetzt aber schnell raus und durch die Passkontrolle auf heimisches Staatsgebiet. Ein unvergesslicher Urlaub war zu Ende.
 
 



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