Spessart by Wolfgang Häcker

 

Die Geschichte vom Kühlschrank
 
 

Bereits während meiner Zeit im Internat, reifte ein reges Interesse an der Chemie, speziell der brennbaren Stoffe. Es führte immerhin dazu, daß ich der einzige an der Schule war, der in diesem Fach eine 1 hatte. So ergab sich dann die Freundschaft zu einigen Mitbewohnern, die sehr ähnliche Interessen hatten und man hielt den Kontakt auch nach der Schulzeit aufrecht.

Von Zeit zu Zeit verabredete man sich zu Partys, zu denen manch einer seine neueste selbstgebaute pyrotechnische Kreation mitbrachte. Dies führe zu regelrechten Sprengpartys - Mit viel Spaß und tollen Fotos, später Videos. 

Dann kam ein neuer Gedanke: zugeschweißte Rohre oder Feuerlöscher mit Sprengstoff zu füllen, das machen nur Terroristen oder Stümper - wir brauchen was neues - Der Kunstsprenger wurde geboren! Ja, es muß ein unverfänglicher Gegenstand sein, der von der Gewalt der chemischen Reaktion atomisiert wird. Nach kurzer Beratung wurde ein Kühlschrank aus dem Partykeller auserkoren. 

Es war erst angedacht, mit den Kollegen der Freiwilligen Feuerwehr die Sprengung in einer Kiesgrube vorzunehmen. Wenn ein großes, rotes, offizielles Fahrzeug und einige Uniformierte dabei sind, wird niemand Anstoß daran nehmen, war unsere Überlegung. Die Kameraden waren von der Idee auch recht begeistert, aber der Zugführer wollte die Verantwortung (welche auch immer) nicht auf sich nehmen - Schade. Also haben wir die Aktion halt ohne offiziellen Touch in Angriff genommen. 

Der Kühlschrank wurde durch den Wald in die Kiesgrube transportiert und versteckt. Es soll ja nicht so aussehen, als ob wir Müll abladen wollten. Dann Parkten wir die Fahrzeuge weit weg an einem Ort, an dem viele Wanderer ihre Fahrzeuge abstellen (ist sehr unauffällig), und begaben uns per Pedes zum Aktion-Place. In den Rucksäcken befanden sich 3 Video Kameras, eine Portion Sprengstoff und diverse, nötige Utensilien. Am Ort des Geschehens wurde der Kühlschrank in Position gebracht und beladen. Als C. das Päckchen plazierte, kam es mir ein bißchen mickrig vor. Auf meine Frage: "Ist das nicht zuwenig?" antwortete C.:" Das sind 300g Acetonperoxid, entspricht ungefähr einer Panzermine. Das müßte wohl reichen!" - OK, dürfte wirklich genug sein! Das Zündkabel wurde zur Zündmaschine gelegt, die Videokameras positioniert und der genaue Ablauf festgelegt. Es mußte ausgeschlossen werden, daß irgendein Wanderer zu dem Geschehen dazu gelangt. 


Also verteilten wir uns rings um den "Punkt Null" und beobachteten die Umgebung. Einer nach dem anderen rief:" Alles Klar" - alle hatten Ihren Sektor als "alles klar" definiert, da gab C. das Signal (eine Preßlufthupe) - noch 3 Sekunden bis zum Big Bäng. Einundzwanzig, Zweiundzwanzig, drei - "HALT; HALT!" ouh, was ist jetzt? Raus aus der Deckung und schauen! Da kam vom Waldrand her ein grüngekleideter Mensch mit einem Gewehr in der Hand! Ach Du Sch..., wie soll man eine solche Situation vernünftig erklären? Er kam von Brothers Seite her. Brother ging auf ihn zu. Bei Annäherung war dann zu erkennen, daß es ein alter Bekannter war, der auch wußte, daß wir nicht die Personen sind, die Samstagsmittags im Wald spazieren gehen. Er fragte deshalb etwas verwundert, was wir denn hier (im Wald) machen (den Kühlschrank hatte er noch nicht entdeckt). Brother erklärte ihm, wie wenn es das Selbstverständlichste von der Welt wäre: "Wir sprengen jetzt hier einen Kühlschrank. Du hast doch nichts dagegen?!" " Naja, eigentlich nicht, wenn ihr mir das Wild nicht erschreckt?" "Nö Nö, machen wir nicht, sicher nicht!" "Ja dann, viel Spaß noch!" sprachs und verschwand im Wald. 

Also wieder das Procedere, Alles Klar!, drei - zwei - eins - null - ein gewaltiger, barbarischer, hexenhafter BUMM zerriß die idyllische Ruhe. Eine Rauch und Staubwolke stieg blitzartig in die Höhe, aaaahhh, was für ein Erlebnis! Ehrfürchtig lösten wir uns aus unserer Deckung und besichtigten den Ort der Zerstörung. Fast nichts mehr war übrig, das FCKW war bis unter die Nachweisgrenze verdünnt! Lediglich der Motor lag einsam in einer Ecke und diverse Kleinteile (wirklich kleine!) waren in der Umgebung verteilt. Etliches lasen wir wieder zusammen, bauten die Kameras ab und entfernten uns vom Ort der Kunst. Ob das Wild erschrocken ist, darüber haben wir uns keine Gedanken mehr gemacht, mit voller Absicht, denn die Erkenntnis würde unseren Versprechungen nicht entsprechen. 


Die Videoaufnahmen waren gut gelungen und wurden auf einer eigenen Kassette zusammen geschnitten. Das Ur-Tape, Video 8, wurde zurückgespult und für neue Aufnahmen genutzt, z.B. im Skiwochenende. Es war eine bunte Mannschaft dabei, viel Fun und Aktion. Bei der Heimfahrt wollten etliche eine Kopie vom Film - klar, kein Problem. Video rein, Aufnahme und laufenlassen, über nacht, morgens fertig, so einfach ist das. Filme verteilt - alles klar. 

Einige Wochen später komme ich in eine Kneipe um den Zigarettenautomat aufzufüllen. Da ruft einer an der Bar:" Das ist der mit dem Kühlschrank!", so mit Fingerdeuten dazu. Ich wußte im ersten Moment gar nicht worum es geht, bis mir klar wurde, daß hinter dem Skiwochenende die Aufnahme der Kühlschrankaktion war. Der Bekannte hatte sich das Skivideo angeschaut und dann die Szenen mit der Kühlschranksprengung entdeckt. Er fand dies so toll, daß er es in die Kneipe mitbrachte und allen Anwesenden vorspielte. 

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